Auszug des Buches ist in alter Schreibweise veröffentlicht.

... ... ... Vielleicht hast du auch erfahren, daß man später, wenn man Mitte Vierzig ist, doch ungleich intensiver bemerkt, wie schnell die Zeit und das Arbeitsleben dahingehen. Wir spüren in solchen Momenten, daß das Leben zu rinnen beginnt – anfangs noch ganz zart, einer Sanduhr gleich, leert sich unmerklich das Glas mit Energie. Und dann, wenn der Körper nicht mehr die Spannkraft hat, erwischt es uns ganz unvermittelt: ein Unfall, eine Krankheit oder ein Verlust. Erschrocken fragen wir nach der Substanz unseres Lebens, nach dem, was uns eigentlich wichtig, was wertvoll für uns ist. Die, die jung sind, verstehen dies nicht, genau so wenig, wie wir die Älteren einst nicht verstanden. Vielleicht bemerken wir auch, wie wenig wir miteinander über die wirklich wichtigen Dinge im Leben sprechen. Wir suchen in unserem Antlitz dann vehement die Freude, das Zarte und sehen nur unser graues, zerfurchtes Gesicht. Und wenn die Gesundheit nachläßt und uns immer noch nichts von dort draußen geschenkt worden ist, kommt langsam der Frust, der sich in uns ausbreitet, uns umhüllt. Und wir reden uns ein, daß es halt so ist, das Leben. Wir sind durch und durch zum Opfer geworden. Es wird unangenehm, es drängen unerbittlich jene Fragen mit Vehemenz in uns hoch, die wir uns schon als Grünschnäbel noch so ganz spielerisch gestellt haben: Was will ich eigentlich in dieser Welt? Wo gehöre ich hin, wozu bin ich hier? Was wird mir das Leben so bringen? Inzwischen ist jedoch aus dem jungen, flinken und neugierigen Vogel von einst ein schwer beladener Schwarzschnabel geworden, bei dem sich die Schraube der Gewohnheiten eisern festgezogen hat und der sich nun fragt: Das soll es jetzt gewesen sein, das war mein Leben? Wofür das Ganze?

Ich dachte doch einst, daß ich … und dann ist erst einmal Stille. Keine Antwort ist zu hören. Es ist vielleicht auch schon niemand mehr da, der zuhört. Es ist einfach Stille – und dann hält der Mann für einen Moment inne, setzt sich auf sein Bett, legt sich langsam auf den Rücken, schaut an die Decke und bemerkt vielleicht erstmals seit Jahren seinen Körper, wie groß und schwer er mit den Jahren geworden ist, und er fragt sich: Wer bin ich? Ich atme, ja, das ist mein Körper, meine Brust, die sich da hebt und senkt. Ja, das soll ich sein? Doch wer ist das? Wie viele Atemzüge habe ich schon so gelebt, ohne mich bemerkt zu haben? Das ist mein Leib, und das soll mein Leben sein: wo ist es hin? Oh, ich habe viel geschaffen, hab’ doch viel bewirkt. Das hab’ ich doch, oder? Nur, was ist mit mir? Ich spüre es nicht! Und dann fragt sich dieser Mann: Fühle ich noch? Und vor allem: Was fühle ich? Da war doch einmal etwas, ganz früher, das war so voller Hoffnung und großer Erwartungen, ja, als ich was wollte, als ich verliebt war … Liebe, mein Gott, was ist damit geschehen? Dann hört der Mann die Regentropfen fallen, schwer dröhnen sie in diese Stille hinein. Er denkt an die, die er einst begehrte, sieht Bilder in seinem Inneren: hoffnungsvolles Geschnatter, Gläser voller Wein. Er vernimmt das Prasseln der Fontänen auf den Schindeln und den Scheiben, die Bilder aus vergangenen Tagen schwinden und etwas anderes breitet sich aus – eine Welle der Traurigkeit durchflutet ihn. Er beginnt zu fühlen, sich zu fühlen. Und er wartet, wie er schon lange nicht mehr wartete. Mit einem Mal, das Warten wird unerträglich, kommt etwas in ihm hochgekrochen, etwas Dunkles, das er wiedererkennt aus einer fernen Zeit und das ihn vollständig erfaßt: jene grenzenlose Einsamkeit, die er immer umschiffen konnte und nie spüren mochte. Das war es, warum er nicht fühlte. Jetzt aber ist sie da, ganz nackt und kalt in ihm, so grenzenlos weit und trostlos, ohne ein Ende. Eine Träne traut sich nicht heraus aus seinen leeren Augen. Er fühlt sich verloren und vollkommen allein – Stille hüllt ihn ein, als eine große Angst ihn zitternd macht.

Lieber Freund, ich hatte einst die Furcht, einmal so zu enden. Ich sah immer dieses Bild, jenen schweren Mann in seiner Einsamkeit. Und mit der Ahnung, wie es dann sein würde, habe ich schon früh einen anderen Weg gewählt. Begleite mich nun auf meiner Reise durch männliche Panzerungen, durch verdrängte Verletzungen und Ängste, durch emotionale Stürme, durch schmerzliche Erfahrungen. Reise mit mir in meine Kindheit und Jugend, die so viel über uns alle erzählt. Ich werde dich teilhaben lassen an meinen Erkenntnissen und an so wunderbaren glückseligen Erlebnissen, die zu dem Prozeß der Befreiung nämlich auch gehören. Was ist Glück, von dem jetzt so viel die Rede ist, was kann es für uns eigentlich sein? Kann man es erhaschen? Findet es uns? Es soll ja nur einen kurzen Augenblick überhaupt spürbar sein, dann verflüchtige es sich wieder, sagt man, sagt sogar die Wissenschaft. Auch darüber werde ich berichten, denn ich habe es ganz anders erlebt.

Von vielen gebildeten Leuten wird heute, in diesen modernen Zeiten, die Existenz der Seele, des ureigensten Selbst, angezweifelt, ja negiert, weil dergleichen nicht nachweisbar sein soll. Ich habe eine andere Erfahrung gemacht, an der ich dich teilhaben lassen werde. Für mich ist von Bedeutung, daß es auf meinem Weg zu meiner Wahrheit wirkliche Seelenberührungen gab, jenseits aller privaten, beruflichen, ja der so streng antrainierten männlichen und wissenschaftlichen Erfahrungswelt. Mir offenbarte sich meine Seele als jenes unvorstellbar kraftvolle Gefühl des puren Seins, als unverstellte, grenzenlose Klarheit und – ja, da haben Männer Berührungsängste – als reinste Liebe, als tiefer, innigster Frieden. In mir eröffnete sich gewissermaßen ein lang verschlossener Tresor, in dem ein, nein, mein Schatz verborgen lag. In meinen Freudentränen fühlte ich: Das ist mein Glück, es ist in mir, dieses lichte Zentrum allen Seins, wo alles entsteht und wohin alles strebt. Es war die Entdeckung meines Lebens, und ich wußte im gleichen Augenblick: das suchen wir alle so krampfhaft. Und wie strampeln wir uns dafür tagtäglich auf so vielen Feldern ab. Es war eine wirkliche Wonne, von der ich manchmal in geheimnisvollen Büchern aus dem Fernen Osten gelesen hatte. Niemals habe ich mir vorstellen können, dieses einfache und tiefe Wissen als ganz normaler Mensch je selbst erfahren zu können. Doch es geschah, und das hatte einen Grund, der sich dir im weiteren Verlauf des Buches erschließen wird.

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