Im Dunkeln des Unbewussten
Auszug des Buches ist in alter Schreibweise veröffentlicht.
Entfernen wir wie bei einer großen Palme auf einer Südseeinsel erst das grobe Blattwerk, dann die feineren, oberen Blätter und schließlich die Fasern im Kopf der Palme bis zum Kern des Stamms, dann sehen wir das Herz dieses Baumes, den inneren Kern aus kleinsten und feinsten ineinander umschlungenen Blättchen. In feinen internationalen Restaurants ist das eine Delikatesse: Palmenherzsalat. Der Baum überlebt den menschlichen Eingriff oft nicht, für den Gourmet-Gaumen stirbt er. Der Mann hingegen, der sich entblättert, seinen Panzer öffnet, seine Rüstung und die Schilde ablegt, seine Gefühle beginnt wahrzunehmen, wird nicht sterben, im Gegenteil. Er wird aber, weil er das nicht kennt, eine Angst in seinem Innern spüren, die Angst vor der Öffnung, die Angst vor dem, was sich da im Laufe der vielen Jahre an Leidvollem angesammelt hat. Deshalb bemühen sich Männer zu kontrollieren, deshalb sparen sie so mit Gefühlen, auch jenen der Zärtlichkeit und der Liebe. Gefühle, auch zarte, erinnern sie zu sehr an das Schmerzhafte. Sie haben nicht nur subjektiv Angst, den inneren Bereich zu berühren, sie sind auch obendrein noch zur Verschlossenheit, zum Aushalten und Wegschauen erzogen worden. Anders formuliert: Die liebevolle Zugewandtheit ist verschlossen, weil die Angst und Konditionierung sie bewacht. Wird durch das Verhalten oder das Handeln anderer diese Angst unangenehm angeregt, wird der Geist aktiviert, etwas zu unternehmen. Das endet meistens mit Aggressivität oder aber mit einem Rückzug, oft in die Ablenkung. Ich selbst wählte den Rückzug. Männer reagieren dann scheinbar ganz ruhig oder auch zynisch. Das vermittelt ihnen dann oberflächlich ein Gefühl der Stärke. In ihrem stillen Kämmerlein ärgern sie sich unter Umständen, emotional vielleicht in dieser oder jener Situation überreagiert zu haben, und geloben sich selbst, noch mehr aufzupassen. Deshalb lehnen Männer in der Regel eine Öffnung des Herzens nach dem Glaubenssatz ab: Wenn ich mich spüre, fühle ich Unsicherheit und Angst und bekomme Probleme, ich reagiere dann unkontrolliert. Deshalb fühle und öffne ich mich lieber nicht!
Diese Einschätzung ist verständlich im heutigen Business. Die Konsequenz, nicht mehr fühlen zu wollen, sich zu beherrschen, ist aber auf lange Sicht nicht nur fatal, sondern katastrophal. Männer gehen auch deshalb nicht in Therapien. Denn dort müßten sie ja über ihre Gefühle reden. Das fällt ihnen also deshalb schwer, weil sie die aufkommende Angst vor der eigenen Gefühlswelt keinen Moment spüren wollen. Denn Angst, so sind sie ja obendrein auch noch anthropologisch konstruiert, ruft Bedrohung und den Verteidigungswillen oder das Fluchtverhalten beim Mann auf. Das Zulassen der Unsicherheit kommt einer Katastrophe gleich, es bedeutet in ihren Augen Schwäche, Bedrohung und Niederlage. Die Angst vor dem Inneren wird zur Angst vor dem Äußeren. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an meine eigene Geschichte: Erst mit zunehmendem
Bewußtsein habe ich verstanden, daß niemand mich mit den Hinweisen, der Kritik verletzen wollte.
Vor bald 30 Jahren schrieb eine damalige Freundin von mir, die eine innigere Beziehung mit mir wollte, ihre Enttäuschung über meine Unfähigkeit, mich zu öffnen, in einem Gedicht an mich nieder. Mit diesen Zeilen ließ sie mich in den Grund meiner verletzten Seele blicken:
Das ist ein Beispiel für meine Angst als Mann, das anzunehmen, was diese Freundin mir geben wollte. Blickt man, so wie ich es getan habe, hinter diese Angst, sich zu öffnen, dann wird jene Furcht vor der Nähe und vor der Liebe als Spitze eines großen Angst-Eisberges erkennbar. Dieser Eisklotz steckt tief in uns und beschwert unser Dasein. Es sind, schaut man in diese Tiefe, vorwiegend Ängste, die sich in unserer Kindheit und Jugend aufgrund bedrohlicher Erfahrungen in unserem Unbewußten festgesetzt haben. Mit den Kontroll-mechanismen unseres Geistes versuchen wir, diese Ängste in den Griff zu bekommen. Daß wir ängstlich sind, merkt man als normaler Erdenbürger nicht sogleich, verstecken sich die Ängste doch oftmals in unserem Verhalten: Perfektionszwang, Verkrampfung, ständiges Gerede, Unnachgiebigkeit, Zynismus, Härte, übertriebener Durchsetzungswille, Unentschlossenheit, Kommu-nikationsschwierigkeiten, Schüchternheit, Einsamkeit oder Rückzug sind dann die Krücken, die uns aufrecht halten sollen. In vielen Bereichen wechseln Männer zwischen diesen verschiedenen emotionalen Zuständen hin und her oder haben sich nur für eine Rolle entschieden, wie es heute oft bei jungen Männern angestrebt wird: Die Rolle des „coolen“, unnahbaren Typen. Oder: Jemand kann draußen im Berufsleben den dicken Mäck spielen, aber daheim bei seiner Frau so tun, als könne er kein Wässerchen trüben. Das ist aber auch umgekehrt möglich. Viele Männer hangeln sich unbewußt dieser Fixierungen durch den Alltag, weit entfernt von ihrem wirklich inneren Erleben, wenn das überhaupt noch gespürt wird, und ganz weit weg von ihrem eigentlichen Potential und das ist das Tragische für diese Welt!
Natürlich gibt es auch solche, die in einer gewissen Balance leben oder die sogar aus ihrem Selbst heraus handeln. Diese Männer haben in der Regel ja auch kaum Probleme, die kennen ihre Ängste, haben sie akzeptiert oder aufgelöst und sind auch in der Lage, darüber zu sprechen. Es geht mir darum, den Blick auf jene von der Gesellschaft sanktionierte Männerwelt zu werfen, die von vielen als geradezu natürlich und standesgemäß erlebt wird – als ob Männer von Natur aus so sind, wie sie nun mal erscheinen und oft kritisiert werden. Diese Männerwelt stimmt von Grund auf nicht, wie ich an meinem Leben dokumentiere und noch zeigen werde. Diese Vorstellung entblößt sich oft als Scheinwelt, wenn man genau hinsieht und bereit ist, die Wahrheit im Individuellen, aber auch im Kollektiven anzunehmen. In diesem Licht betrachtet, lassen sich die großen Probleme der Männer auf wenige Energiefelder der Angst reduzieren. Diese Energien sichtbar zu machen, sie zu verflüchtigen und aufzulösen war eine der großen Aufgaben, vor der ich stand, als ich erkannte, daß etwas mit mir geschehen mußte, wollte ich die unüberwindliche Mauer vor mir endlich durchbrechen. Vier meiner zentralen Ängste bin ich in meinem Heilprozeß begegnet. Sie werden uns einige Kapitel weiter beschäftigen:
- die Angst vor den eigenen Gefühlen,
- die Angst, beurteilt zu werden und zu versagen,
- die Angst vor der Nähe,
- die Angst, loszulassen und zu vertrauen.
Manchmal werden in bestimmten Situationen des Alltags die Ängste an uns sichtbar, unser Körper drückt sie aus. Männer versuchen dann mit aufwendigen Strategien, diese Situationen möglichst unauffällig durchzustehen, ihnen auszuweichen. Da bekommen Männer jedesmal Beklemmungen, wenn sie in einen Fahrstuhl steigen – ein Angstgefühl steigt in ihnen hoch. Und immer dann, wenn sie zum Chef gerufen werden, wird ihnen heiß, sie schämen sich, die unangenehm schwitzigen Hände zur Begrüßung auszustrecken. Oder ihnen ist ein plötzlicher Wutausbruch unangenehm – die Kollegen gucken ganz komisch. Sie werden vor versammelter Mannschaft für etwas kritisiert, sterben fast dabei und werden rot. Sie sollen vor Kollegen sprechen und werden unsicher, verhaspeln sich und die Papiere fallen aus der Hand. Genauso können wir uns häufig stoßen, verletzen, lassen schon wieder ein Glas fallen, haben einen Unfall.
Viele solcher Situationen erleben wir als nervend, so mögen wir uns nicht. Immer wieder fallen wir auf die gleiche Situation herein, fallen ins gleiche Loch, reagieren wieder entsprechend, wie immer – und es geht uns schlecht und immer schlechter dabei. Und der Körper reagiert natürlich auf solche Situationen, es gibt sichtbare Hautreaktionen, wir haben Gastritis, erhöhten Blutdruck, Tinitus und vieles mehr. Wir brauchen Pillen, wollen wir den Alltag noch schaffen. Diese Seiten von uns versuchen wir zu verheimlichen, das ist nichts für die betriebliche Öffentlichkeit, meistens sollen auch die Familie und die Freunde nichts davon erfahren. Wir spielen halt unsere Spielchen, verstellen uns, suchen Auswege oder tapsen gerade in die Fallen, die wir uns wieder selbst gestellt haben. Aber – mit unserer einfachen Deutungsrahmen, den bewertenden Betrachtungsweise, dem fehlenden Bewußtsein, sind ja eigentlich immer die anderen schuld an unserer Misere.
Auf diese Weise wächst in uns ständig etwas Unangenehmes in unserem Unbewußten, eine große negative Energie. Bei vielen dieser ungelösten Schwierigkeiten gärt in uns etwas, es belastet und vergiftet unsere Aura und macht unter Umständen unseren Körper letztlich krank. Die Krankheit drückt dann nur das aus, was schon längst und lange da war. Wir haben Probleme, wir haben Konflikte. Das Leben kann zur Qual werden!
Hinter diesen Problemen oder auch Lebensthemen verbergen sich also, wie wir nach dem Exkurs ins Unbewußte wissen, Energien der Angst. Diese negativen Energien gründen meistens auf vergangenen und verdrängten Erfahrung: es sind Traumata, körperliche und seelische Verletzungen, Unfälle, Zwangssituationen, Todesängste, es sind Verzweiflung, Einsamkeit und eine tiefe Trauer darüber, nicht wahrgenommen worden zu sein. Damit verbinden wir, würden wir uns erinnern, Namen, Körper und Gesichter aus der Vergangenheit. Viele von uns, die wir in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen leben, sind auf die eine oder andere Art und Weise beschädigt worden, und Eltern, Geschwister, Lehrer, Chefs, Verwandte, Kollegen und Kolleginnen oder auch Freunde konnten sich nicht perfekt verhalten, haben „Fehler“ gemacht oder wollten uns gar verletzen. Und das vor allem auch deshalb, weil sie selbst beschädigt waren oder sind und davon kein Bewußtsein hatten beziehungsweise haben. Aus Opfern sind dann Täter geworden. Hinzu kommen negative geburtliche und vor-geburtliche Erfahrungen sowie auch Ereignisse aus früheren Leben oder die kollektiven emotionalen Traumatisierungen ganzer Volksgruppen. Auch diese Archive des Unbewußten sind inzwischen seit C.G. Jung durch die Transpersonale Psychologie mit Tausenden von Fallstudien wissenschaftlich erforscht (siehe Stanislav Grof: „Impossible – Wenn Unglaubliches passiert“ sowie „Kosmos und Psyche – an den Grenzen menschlichen Bewußtseins“).
Zur Verdeutlichung dazu die Geschichte einer psychischen Verletzung, die ich als pubertierender 14jähriger Junge zu Hause erfahren mußte. Sie steht für andere derartige Erfahrungen, die ich erlebte. Diese Erlebnisse festigten als junger Mann in mir das Gefühl des mangelnden Selbstwertes. Daraus resultierte ein bestimmtes unsicheres oder auch, je nach Situation, aufgesetztes Verhalten.
Meine Eltern bewirtschafteten in meiner Kindheit und Jugend einen großen Garten, in dem sie Gemüse, Kartoffeln und Obst für den Eigenbedarf anbauten. Das war in den 1950er und 1960er Jahren durchaus so üblich. Der Vater hatte einen LKW voll mit Mist vom Bauern kommen lassen, der auf die Straße gekippt worden war. Die Straße war nicht sehr breit, so daß der Haufen relativ schnell innerhalb von ein bis zwei Tagen weggeschafft werden mußte, damit vorbeifahrenden Autos, auch wenn es damals noch wenige waren, nicht zu lange behindert wurden. Mein Vater fragte mich am Abend auf eine vertrauenserweckende Art, ob ich mir zutraue, diesen Haufen Mist nach der Schule mit der Schubkarre in den abschüssigen Garten über die Wiese auf den Acker befördern zu können. Bevor ich richtig überlegte und mir den Haufen nochmals ansah, sagte ich Ja. „Gut“, sagte er, ich solle am nächsten Tag schon einmal anfangen, er würde dann schon helfen kommen, wenn sein Dienst im Stahlwerksbüro zu Ende sei. Ich war etwas verdattert, freute mich aber auf die Arbeit, konnte ich doch endlich einmal mit meinem Vater etwas zusammen erleben, ohne daß Angst und Anspannung zwischen uns stand. So ein Misthaufen war gerade recht. Ich phantasierte, daß ich nun die Chance hatte, ihm zu zeigen, daß ich das mit ihm bewältigen könne, daß ich schon zu etwas tauge, ja daß ich schon stark bin und er vielleicht somit auch ein wenig Respekt und Achtung vor mir haben würde. Ich wollte seine Anerkennung für meine sprießenden Kräfte als junger Kerl.
Als ich die erste Schubkarre 40 Meter nach unten in den Garten befördert hatte, wußte ich, auf was ich mich da eingelassen hatte. Es überforderte nicht nur meine physischen Kräfte, ich war auch psychisch noch nicht in der Lage, mich immer wieder zu motivieren, noch eine weitere schwer beladene Karre nach unten zu befördern. Es war eine Tortour. Manchmal ließ die Kraft so nach, daß die Mistkarre immer schneller mit mir ins Rollen kam, das Gelände war ja abschüssig. Ich mußte sie dann durchs Gras die restliche Strecke runterrutschen lassen, was im Rasen natürlich tiefe Schleifspuren hinterließ.
Als ich die Hälfte des Misthaufens in den Garten gebracht hatte, war mein Vater immer noch nicht zu Hause, und ich wollte aufhören. Ich war erschöpft und mit meinen Kräften eigentlich am Ende. Doch da packte mich die Angst, es nicht geschafft und ihn enttäuscht zu haben, dumm dazustehen, wenn er dann abends kommen würde. Und dann war da noch der Ehrgeiz: Jetzt erst recht! Eine große innere Energie wurde frei nach dem Motto, das schaffst du jetzt auch noch, und Papa wird es freuen, dann ist erst einmal wieder alles gut. Mein Motiv für meine Anstrengung war: Wenn ich das schaffe, hat er mich lieb! Dann, so dachte ich, bekomme ich einen dicken Eintrag in den Kalender der guten Taten. Das konnte nur noch gut werden, auch wenn mir beim Befüllen der Schubkarre mit der immer schwerer werdenden Mistgabel die Muskeln zitterten und weh taten, mir der Rücken schmerzte, ich keuchte und schwitzte. Ich arbeitete wie ein Stier, ganz alleine bewältigte ich diese LKW-Ladung Mist, und natürlich war ich am Ende der Arbeit sehr, sehr stolz auf mich. Körperlich war ich zwar völlig am Ende mit aufgeplatzten, blutigen Blasen an den Händen, aber innerlich war ich stark und voller Zufriedenheit. Meine Mutter war natürlich ganz begeistert und zeigte das auch, sie lobte mich über den grünen Klee. Doch ich wollte die Anerkennung des Vaters. Nun hatte ich es ihm mal gezeigt, jetzt wird er aber staunen! Das war der Stoff, der in der Familie Anerkennung bringt. Es ist aber auch der Stoff für Dramen, doch das wußte ich noch nicht.
Mein Vater kam an diesem Abend überhaupt nicht nach Hause, er war mal wieder mit seinen Kumpels bis tief in die Nacht irgendwo versackt. Am anderen Morgen sah ich ihn nicht und am darauf folgenden Tag auch nicht, da mußte er Überstunden machen. Der zwischenzeitliche Regen hatte alle Spuren des Misthaufens weggespült. Zudem hatte Mutter noch die Straße gefegt. Ich versuchte, den Rasen wieder glatt zu trampeln, damit Vater die Spuren nicht sehen konnte, fürchtete ich doch, daß das Ganze doch noch irgendwie anders verlaufen könnte. Ich nahm schließlich an, daß er das nun alles schlicht vergessen hatte und blieb mit meinem Bedürfnis nach Anerkennung mehr und mehr auf der Strecke.
Am dritten Tag endlich trafen wir uns beim Mittagsessen. Ich wartete sehnsüchtig auf seinen Kommentar. Ich rutschte auf meinem Hintern hin und her und fühlte mich stark. Da kam dann die Bemerkung, daß ich die Arbeit ja brav gemacht hätte, aber ich hätte dabei doch den Rasen beschädigt und den Mist auf die falsche Seite des Gartens gekippt. Sein Gesicht sah dabei streng und unmißverständlich aus. Jetzt müßte er ja ran. Mir schossen die Tränen in die Augen. Das war’s dann für mich, ich sackte zusammen und fühlte meine schmerzenden Muskeln, den geschundenen Rücken und sah die blutigen Blasen meiner Hände. Ich stand schnell vom Tisch auf und lief auf die Toilette, diesmal um zu weinen. Das bemerkte er dann, wahrscheinlich auf einen Hinweis meiner Mutter, und versuchte, mich zu trösten, es sei ja schon gut, ich hätte es ganz großartig gemacht. Doch der Zug war für mich abgefahren.
Es war damals für mich eine typische Situation: Ich habe mich aus meiner Sicht übermenschlich angestrengt, körperliche Schmerzen und Verletzungen in Kauf genommen, was gar nicht hätte sein müssen, um meinen Vater zufriedenzustellen und um das Verhältnis zu ihm mit dieser Leistung zu verbessern, letztlich dem Wunsch folgend, Liebe zwischen uns fließen zu lassen. Die Anerkennung für diese schwere Arbeit wurde mir aber versagt. Unbewußt brannte sich bei mir ein: ich habe es vermasselt, ich habe es wieder falsch gemacht, ich mache immer alles falsch. Seine negative Bewertung war eine tiefe Verletzung für mich, die meine Aura trübte. Ein negativer Eindruck von mir selbst festigte sich mit diesem und anderen Erlebnissen, die in meiner Jugend noch hinzukamen. Ich berichtete bereits über die dann folgende Lehrzeit. Der Schmerz über eine solche Behandlung wurde ins Unbewußte verdrängt, denn lange kann man das nicht aushalten, schon gar nicht als Vierzehnjähriger. Vor allem kam derartiges ja öfters vor. Das Gefühl, etwas falsch machen zu können, wurde so weiter gefestigt. Unsicherheit und ein mangelndes Selbstwertgefühl breiteten sich zunehmend aus und setzten sich im Unbewußten fest. Das zeigte sich an der Oberfläche als Verschlossenheit oder eben als egozentriertes Machoverhalten, je nach Situation.
Darüber hinaus verweigerte der Vater das Mittun, auf das ich mich so gefreut hatte. Er ließ mich unbeachtet und allein zurück. Das war die zweite Kränkung, die mich schmerzte, die mir auch deshalb so wehtat, weil ich meinen Vater liebte. Ich wollte innigen Kontakt zu ihm, der sogar über einen Misthaufen sich hätte realisieren können, wenn er mich nur wahrgenommen und meine Leistung als junger Kerl gewürdigt hätte. Ich überforderte dafür weit meine Kräfte, was ich einige Jahre lang danach auch in meinem Leben tat, um Anerkennung zu bekommen. Und das war die dritte Verletzung: er sah mein Bedürfnis nach ihm und nach seiner Anerkennung überhaupt nicht, er kümmerte sich nur um sich selbst.
Um damit klarzukommen, emotional zu überleben, packte ich meine Verletzungen in mein Verließ. Doch nicht nur das, sondern auch meine Bedürfnisse nach einem Wahrgenommenwerden, nach einer Nähe zum Vater verschob ich dorthin. Das sollte oder durfte offensichtlich nicht sein. Mein innerer Energiekörper, der das Miteinander wollte, war verletzt, er bekam dunkle Flecken, wie manche Heiler das nennen. Diese dunkle Energie reicherte sich weiter mit ähnlichen Erfahrungen an und legte sich wie ein Mantel über meine Seele. In meinem Unbewußten wuchs folgender Bedeutungszusammenhang mit den Glaubenssätzen, die ganz an der Oberfläche Regie führten: Du darfst nicht versagen. Du mußt dich noch mehr anstrengen. Du mußt einfach perfekt sein.
Durch perfekte Arbeit sich Anerkennung zu verschaffen, ist der vorgezeichnete Weg in der Gesellschaft, besonders in der deutschen. Das wird positiv bewertet. Das war ein großer Teil meiner Pseudoidentität. Ich stand als junger Mann fortan unter Druck, etwas zu beweisen und nicht zu versagen.
Und dann die zweite Kränkung: Nähe ist offensichtlich nicht wichtig und irgendwie kein Thema, also bleib ich für mich selbst und tue, was ich tun muß, allein. Ich werde mich auch so durchschlagen. Schlimmer als dieser Misthaufen kann es ja nicht kommen.
So zog ich mich zurück und versuchte, soviel zu lernen, daß ich alleine überleben konnte nach dem Motto: Auf andere kann man sich nicht verlassen. Ich brauche niemanden, schon gar keine Hilfe, denn die kommt nicht. Das machte mich als Jungfilmer letztlich überheblich. Das ist ein typisches Männerverhalten.
Und schlußendlich: Meine Bedürfnisse sind nicht wichtig, werden nicht ernstgenommen. Bedürfnisse zu haben, ist nicht angesagt. Also habe ich keine. Ich tue, was angesagt ist. Fertig! Deshalb sagte ich meinen Freundinnen nie, was ich wirklich wollte! Und deshalb sagen auch meine Leidensgenossen so selten, was sie vorhaben.
Die negativen Energien in meinem Unbewußten beeinflußten mehr und mehr mein Verhalten: Ich versuchte als junger Mann, meine Mitmenschen, meine Freundinnen, meine erste Frau, meine Eltern und Arbeitskollegen zufriedenzustellen mit etwas, was nicht unbedingt sein mußte, was mir aber die Anerkennung bringen sollte. Ich wollte alles besonders gut machen. Meine Bedürfnisse verlernte ich wahrzunehmen, weil derartige Erfahrungen in der Pubertät sich häuften. Mit der Nähe zu Frauen und Männern hatte ich später Probleme, ich wußte nicht mehr, wie sich das anfühlt, eine wirkliche Nähe war ja zu Hause nicht erwünscht. Ich spaltete solche Gefühle konsequent ab, auch aus anderen Gründen, über die ich noch berichten werde. Ich gewann so die Überzeugung, daß das so gewollt ist, daß Mann sich so nicht verhält, daß der Mann so sein muß, wie der Vater es von uns verlangte.
Die Ursachen aber, also die Verletzungen und Kränkungen, verdrängte ich, legte sie als Junge in meiner Not damals unbewußt in die innere Abfalltonne, in der schon anderes sich angesammelt hatte, und paßte mich an. So waren die Verhältnisse nun mal. Doch die Glaubensgrundsätze, die sich aufgrund dieser Erfahrungen entwickelten, tummelten sich munter in meinem Leben in meinem Unbewußten und waren Maßstab für mein Verhalten. Fatalerweise macht man sich dieses Verhalten dann zu seiner eigenen Natur. Ich glaubte beziehungsweise man glaubt als Mann dann tatsächlich, daß das so stimmt, daß das Leben so sein muß, daß dieses Sich-Anstrengen, dieses egozentrische Verhalten auch gegenüber der eigenen jungen Frau genau so richtig ist, weil man irgendwann einmal in seiner Not solche Beschlüsse für sich gefaßt hat. So entstehen Bedeutungsmuster und Deutungsrahmen, die mit negativer Energie geladenen „Frames“, im Unbewußten, die zu bestimmten Einschätzungen, Bewertungen und Entscheidungen an der Oberfläche unserer Lebenswelt führen. „Reframing“ nennt man dann die Veränderung dieser Glaubensgrundsätze im Heilprozeß. Das zu erkennen war im übrigen eine meiner Offenbarungen. Diese Erkenntnis führte mich dann schließlich, nachdem der Müll entsorgt, der Mantel um meine Seele abgelegt war, auf die unglaubliche Reise zu meinem wirklich Selbst, von der ich noch berichten werde. Wenn das Dunkle geht, kommt das Licht, das Glück!
Es verbergen sich aber in unserem Innersten auch Verletzungen, die wir anderen zugefügt haben, die wir geradezu inszeniert und somit auch zu verantworten haben, so wenn wir jemanden betrogen und beschämt, ihr oder ihm wehgetan, jemanden entblößt oder vorgeführt haben und nicht um Verzeihung baten. Auch diese nicht geklärten Lebensdramen setzen sich in uns als negative, dunkle Energie fest, sie beeinflussen unser Dasein. Wir haben dann oft ein schlechtes Gewissen, gerade unseren Kindern gegenüber.
Das sind ganz normale Geschichten, wie sie unter uns allzumenschlichen Menschen tagtäglich geschehen. Das Problem ist, daß wir keine Kultur haben, damit offen und auf gesunde Weise umzugehen. Gerade wir Deutschen fliehen vor den Auseinandersetzungen und vergraben unsere negativen Erfahrungen nach Möglichkeit so tief in uns, daß wir sie nie mehr spüren müssen, als Opfer nicht und auch nicht als Täter. Wir überhören unsere innere Stimme als Gewissen, wir betäuben sie mit Unterhaltung, Drogen und Pillen und auch und vor allem mit Arbeit. All das geschieht in der Hoffnung, daß diese Energien sich irgendwie schon auflösen werden. Doch diese Energien lösen sich, wie wir heute wissen, nicht so einfach auf, sie sind da und beschweren unser Leben. Das, was wir als Kinder, als junge Menschen oder Erwachsene tief ins Dunkle des Unbewußten verdrängen mußten, um im wahrsten Sinn des Wortes überleben zu können, behindert uns hier und heute und verhindert ein glückliches, zufriedenes Leben mit unseren Mitmenschen. Die negative Energie steckt in uns fest, in jeder Zelle, wie ich noch schildern werde, und blockiert den Fluß unserer Lebensenergie.
Aufgrund der Verdrängungen dominieren dann im Erwachsenenalter zunehmend Verhaltensweisen, die durchaus neurotische Züge annehmen können. So entstehen dann bei „normalen“ Erwachsenen jene Macken und Probleme, unter denen die Betroffenen und ihre Nächsten dann leiden. Solche Menschen verhalten sich in einer bestimmten Situation zweigleisig: einerseits im Sinn der gesellschaftlichen Konventionen, andererseits aber auch aus ihren verdrängten Anteilen heraus ein wenig unpassend, zum Teil unangemessen, mit Vorurteilen, nicht verständlich, vielleicht auch merkwürdig auffallend, Spielchen inszenierend sind sie abhängig von so vielem. Sie haben Hintergründiges im Sinn, verhalten sich ängstlich passiv oder aggressiv, zynisch oder plump auftrumpfend – alles in allem neurotisch, wie die Psychologie dazu sagt. Und es kommt oft zu einer fehlerhaften Einschätzung der äußeren Realität aufgrund unbewältigter innerer Konflikte und fehlender Deutungsrahmen. Neurotiker sind oftmals gute Arbeiter, nutzen ihre erlernten Fähigkeiten sowie das fachliche Wissen und verhalten sich produktiv in der Dynamik ihres Unbewußten, sie passen sich an. Sie haben ein starkes Kontrollsystem verinnerlicht und fallen deshalb nicht sonderlich auf, weil ein derartiges Verhalten, dieses Unbewußte, auch viele andere teilen. Es ist hinreichend sozialisiert und bekannt, ein ständiges Thema in der Literatur, der Kultur überhaupt. Die Neurotiker liefern den Stoff für die Kulturproduktionen: Ihr vergebliches Bemühen um die wahre Liebe, das aufrichtige Leben, den richtigen Partner, um Freude, gegen das Leid, ein kraftvolles, heldenhaftes Sein und dergleichen mehr schauen wir uns gerne auf der Bühne und der Leinwand an. Sie verkörpern einen Zustand, in dem viele, viele Millionen von Menschen leben, die sich ebenfalls daran ein Leben lang abarbeiten. Damit können sie sich identifizieren. In der Realität des Lebens aber empfinden wir als sensibler Beobachter, daß bei einem solchen Menschen etwas nicht ganz stimmt, seine Entscheidungen oft inhaltlich nicht begründet sind und sich aus etwas anderem speisen.
In der Regel, bei der üblichen Distanz im Berufsleben heute, tolerieren wir dieses Verhalten, solange es das Geschäft, die Mitarbeiter nicht beschädigt. Inzwischen gehört Teamfähigkeit bei modernen Unternehmen zu den wichtigen beruflichen Qualifikationen, und viele bekommen deshalb keinen Job, weil sie sich selbst mit ihrer Dynamik, ihren Neurosen im Wege stehen. Ihr Unbewußtes haut ihnen Knüppel zwischen die Beine und bringt sie in Situationen, die ihnen selbst und dem Betrieb nicht zuträglich sind. Wenn dann mit den Jahren in dieser Verdrängungskultur eine Verkapselung stattgefunden hat, wollen wir nichts mehr von den Ursachen wissen. Damit, so meinen wir, sind wir dann durch, haben es irgendwie doch noch geschafft. Wir haben den Deckel unserer pandorischen Schmerzbüchse endlich zuschweißen können, und außerdem ist es dann einfach zu viel Arbeit, sich damit auch noch zu beschäftigen. Problematisch dabei ist, daß wir die Traumata von einst tatsächlich, wie ich noch an mir selbst zeigen werde, irgendwann vergessen haben und es für ganz ausgeschlossen halten, damit etwas zu tun zu haben. Was sich aber nach wie vor zeigt, sind die Resultate dieser verschlossenen Verletzungen, unter denen dann so viele leiden: Traurigkeit, Selbstmitleid, Kommunikationsverweigerung, Rückzugsverhalten, mangelndes Selbstwertgefühl, Depression und Krankheit. Finden wir tatsächlich ein solches Leben „normal“? Wollen wir wirklich jeden Morgen mit Bleigewichten an den Füßen aufstehen? Wer sagt uns, das sei normal, derartigen „Müll“ mit uns rumzuschleppen? Ich nicht mehr, es ist nicht unsere Natur, ist unnormal und krank! Viele Hausärzte arbeiten sich verzweifelt und oft vergebens daran ab. Waren die Verletzungen früh in der Kindheit und schwerwiegend, erkennt man später aggressives Verhalten, Größenwahn, ständige Eifersucht, spinnerte Ideen und dann kommt es unter Umständen zu gefährlichen Aktionen und zu Gewalttaten, sind Resignation oder Haltlosigkeit und Sucht (auch Computerspiele) die täglichen Erfahrungen bis hin zur Selbstaufgabe, zum verzweifelten Selbstmord oder Mord.
Die Heilung innerer Prozesse wird deshalb diskreditiert, weil man das Leid bei sich selbst nicht wahrhaben will – oder weil es allen so geht oder weil man resigniert hat, in vielerlei Hinsicht. Würde man offensiv mit der Heilung psychischer Deformationen in unserer Gesellschaft umgehen, würden viele das innere Leid anerkennen und zu verändern suchen. Dann würde es auch viel mehr professionelle Hilfe geben. Die Suche nach dem Glück, so meine Erfahrung, geht nur über diesen Weg der Wahrheit. Damit tut sich die Gesellschaft schwer, besonders hier in Deutschland.