Männerwelten
Auszug des Buches ist in alter Schreibweise veröffentlicht.
Die alten Lebensvorstellungen taugten in dem 1970er Jahren für viele junge Menschen meiner Generation nicht mehr. Alles war in Bewegung, besonders Frauen wollten damals vieles verändern, vor allem ihre Verhältnisse zu Männern. Wollten wir mit solchen Frauen zusammenleben, mußten wir einen neuen Weg gehen. Ja, das wollten wir, und wir wollten die Ehe im alten Stil genauso wenig wie die Frauen auch. Eine Karriere wollten wir auch – aber anders, als Vater und Mutter sich das für uns ausgedacht hatten, wir wollten einen Beruf, der uns erfüllt. Die Abkehr von den Vorstellungen der Eltern war also beschlossene Sache. Wie aber ein anderes Leben hätte aussehen, wie ein Frieden mit der ältern Generation hätte gelingen können, das war mir und uns allen damals nicht klar. Das Ganze hatte etwas von einem notwendigen Experiment, es war wie ein Raketenflug, ohne zu wissen, wo man landen wird. Wir waren die Generation, die die alten Strukturen aufzubrechen hatte, damit Neues sich entwickeln konnte.
Seit dieser Zeit habe ich nicht nachgelassen, mich mit meinem Innersten, mit meinen Problemen und denen meiner Geschlechtsgenossen zu beschäftigen. Aus den damaligen Experimenten sind tatsächlich neue Lebensentwürfe und eine neue Lebendigkeit entstanden. Sie unterscheiden sich fundamental von dem Leben, das ich einst bei den Eltern kennengelernt hatte. Ich kann schlecht beurteilen, wie vielen anderen Männern diese Entwicklungsschritte ebenso gelungen sind. Offensichtlich ist aber, daß die damaligen Veränderungswünsche, die wir einst im Kontext zur politischen Willensbildung formulierten und ausprobierten, immer noch nicht wirklich in der Gesellschaft angekommen sind. Vieles ist klein und privat geblieben, hat die Männerwelten noch nicht wirklich beeinflussen oder verändern können. Es hat nicht die Relevanz bekommen, wie es sich für viele Frauen doch so positiv entwickelt hat. Besonders die junge weibliche Generation heute profitiert von den Kämpfen ihrer Vorgängerinnen in geradezu gesellschaftlicher Dimension. Denn noch bis Anfang der 1960er Jahre konnten die Männer aufgrund der Gesetzestexte im Bürgerlichen Gesetzbuch (Eherecht) innerhalb der Familie und im Verhältnis zur Ehefrau schalten und walten, wie es ihnen beliebte. Der Mann war bis zu den Veränderungen durch die „Studentenrevolution“ der unangefochtene Herrscher in den Familien. Die Frau war zum Gehorsam verpflichtet und nur eingeschränkt geschäftsfähig – das regelte der sogenannte Gehorsamsparagraph in diesem Bürgerlichen Gesetzbuch. Die „68er-Frauen“ kamen damals also folgerichtig schon zu den weisen Erkenntnissen: ''„Das Private ist politisch.“'' oder: ''„Die Stellung der Frau in den Familien sagt etwas über ihre Rolle in der Gesellschaft aus.“''
Ihre Machtposition mußten die Männer auch vor dem Gesetz schließlich aufgeben, sie sind zur Gleichbehandlung verpflichtet worden. Vor dem Gesetzt sind also heute Mann und Frau gleich. Doch haben die Männer das schon verinnerlicht? Wie sieht es da drinnen in unseren Familien, in den Männern aus?
Erlebt man die heutigen 25jährigen, also die, die unseren Töchtern den Hof machen, so spürt man zwar, daß da einiges lockerer und anders ist, aber man hat doch das Gefühl, daß substantiell der „neue Mann“ noch im Werden begriffen ist. In einzelnen Fällen schimmert er ja schon am Horizont durch, jedenfalls hier und da. Nachdem die Frauen für sich und ihresgleichen gesorgt haben, scheint es mir, daß jetzt die Gesellschaft reif geworden ist, daß die Männer sich auf den Weg machen. Die Kritik an ihnen wirkt manchmal schon resignativ, besonders von jungen Frauen, die glauben, da hätte sich nun in den letzten 30 Jahren einiges getan. Diese Kritik hat bei vielen Männern zu großen Verunsicherungen geführt. Sie fühlen sich oftmals ins Abseits gedrängt, jedenfalls lähmt es scheinbar ihren Veränderungswillen. Auf diese Weise ist aber ein öffentlicher Diskurs entstanden, der das Mannsbild und seine Art zu leben mehr und mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Die Frauen fühlen sich dadurch gestärkt und machen jetzt Druck in den Familien und bei der Arbeit. Die alten Waffen der Männer sind stumpf geworden. Auch wenn das nicht wirklich debattiert wird, im Kleinen läuft dieser Prozeß ab, schwerfällig zwar, aber dennoch unumkehrbar ab. Neue Erfahrungsräume werden nun sogar staatlicherseits für uns Männer geschaffen, so wird zum Beispiel das Vatersein ohne beruflichen Streß staatlich unterstützt. Wie reagieren nun die Männer auf diese neuen Herausforderungen? Und wie geht es den jungen Kerlen mit den emanzipierten und dynamischen Frauen? Sind die vielen Scheidungen ein Indiz dafür, daß die Männer die notwendigen Veränderungsschritte nicht wirklich bewältigen können oder wollen, resignieren sie?
Tobten die autoritären Väter der früheren Generationen ihr Scheitern in den Familien noch handgreiflich aus, was heute gesellschaftlich nicht mehr gebilligt wird, so ist es doch immer noch so, daß Männer sich nicht nur den Ansprüchen der Partnerinnen entziehen, sondern auch bei dieser Gelegenheit gerne die Verantwortung für ihre Kinder abwimmeln. Männer entschwinden heute zusehends in kleinen Nischen, die die Gesellschaft für sie bereithält. Noch näher unters Brennglas geschoben: Obwohl die jungen Männer heute wirklich offener, lebenslustiger und kontaktfreudiger zu sein scheinen, beobachtet man nicht dennoch, daß sie mit dem Gefühl für sich selbst, mit Nähe und mit Kommunikation nach wie vor große Schwierigkeiten haben? Wie offen zeigen sie sich wirklich ihren Partnerinnen und Kindern? Gehen sie bei bestimmten Entscheidungen in der Familie von einer gemeinsamen Ebene aus, sehen sie die Interessen der anderen, sprechen sie über ihre Probleme? Verstecken sie nicht nach wie vor ihr Innerstes und teilen sich nicht mit? Was für uns Exoten von damals vielleicht noch spielerisch daherkam („Mal schau’n, ob wir das hinkriegen, was die Frauen wollen. Wenn nicht, ist es auch nicht so schlimm, wird auch schon so gehen.“), ist jetzt bitterer Ernst geworden. Die jungen Frauen hängen die jungen Männer im Moment ab, die kommen irgendwie nicht mehr mit der Entwicklung mit. Das alte Modell funktioniert nun massenhaft nicht mehr. Die jungen Frauen zischen wie Kometen über den Horizont. Die Jungen fallen wie Sternschnuppen vom Himmel und werden von den Frauen liegengelassen. Einsame Single-Männer kann man in den irdischen Nischen an technischem Gerät herumfummeln sehen. Es werden heute Qualitäten gefordert, die sie offensichtlich kaum erfüllen können. Wie sieht das Leben von Männern also heute aus?
In diesem Zusammenhang interessieren mich nun nicht die soziologischen Varianten solcher Fragen, sondern die Gefühlslagen der Männer, ihre inneren, psychischen Dispositionen im historischen Kontext und in den heutigen disparaten Lebenswelten, letztlich aber ihre Perspektiven. Damit sich zu beschäftigen, war zu Zeiten unserer Eltern ein völliges Tabu, es ist aber auch heute noch eine echte Herausforderung – da gibt es wenige Weggefährten. Um die wirkliche Gefühlswelt der Männer, um ihre Motive und Probleme kümmern sich in der Regel nur einzelne Menschen, Therapeuten, Psychologen, Pädagogen, Berater zum Beispiel. Weder die Wissenschaft (wenn, dann spärlich) noch die Journalisten, die Literatur und die Philosophie bemühen sich um eine angemessene Analyse, und für die allgemeine Kulturproduktion ist das mehr oder weniger ein weißer Fleck. Das Lied ''„Männer“'' von Herbert Grönemeyer leuchtet mehr oder weniger einsam am Horizont, so auch die Filme ''„Männer“'' und ''„Kirschblüten“'', die natürlich von einer Frau gemacht worden sind. Es bleibt meist bewußt bei nichtssagenden Oberflächlichkeiten oder komischen Extrakten in schlüpfrigen Sketchen. Die wirklichen Innenwelten der Männer sind auch heute noch im öffentlichen Diskurs tabuisiert. Das ist bei und unter den Frauen ganz anders. Da gibt es viel Stoff zu erzählen, der die Frauen beschäftigt, da werden viele Bücher geschrieben und es gibt Sendungen in Radio und Fernsehen, die sich um die vielfältige innere und äußere Welt der Frauen kümmern, meistens von Männern verantwortet. Warum gibt es solches nicht auch für Männer? Ich denke, daß der Beschluß der Männer, ihre eigene innere Welt nicht zu betrachten, gewollt ist. Sie glauben, es sei eine Schwäche, sich damit zu beschäftigen, irgendwo auf ihrem Entwicklungsweg haben sie das so gelernt, sie identifizieren das mit dem Weiblichen, dem Weichen, mit den „Weicheiern“. Woher haben sie das nur?
Die alltäglichen Erfahrungen heute lehren uns, daß Männer in der Regel vor sich selbst fliehen. Was früher gewalttätig geregelt wurde, wird heute mit Rückzug beantwortet. Aufgrund der tiefen Erkenntnis meiner selbst und den Gesprächen mit so vielen Männern in Selbsterfahrungsgruppen habe ich gelernt, daß Männer tatsächlich etwas verstecken. Sie haben viele Probleme, massive Ängste und eine Not, die sie nicht, ja niemals zeigen mögen. Und jeder ehrliche Mann glaubt tatsächlich, er wäre allein damit, nur ''er'' hätte diese oder jene Schwierigkeit. Da wir Männer in der Regel nicht über uns reden, bleiben wir damit auch alleine und werden damit einsam, trotz der von uns gern in Anspruch genommenen Männerauftriebe in Kneipen, Stadien oder beim Schützenfest. Wir Männer wissen viel zu wenig von uns selbst und damit auch voneinander. Interessant ist nun, warum wir das nicht wissen wollen, warum wir ein mehr oder weniger gestreßtes, freudloses Leben akzeptieren, welche Konsequenzen das hat und wie dieses Leben jenseits unserer Inszenierungen und Scheingefechte wirklich aussieht. Warum ziehen wir die Ablenkung oder die Macht der Wahrheit und dem Glück vor?
Ich begebe mich in diesem Kapitel und den weiteren auf die Spur männlicher Lebenswelten bis hinein in meinen eigenen schmerzlichen Grund, der mir vollkommen verschlossen war. Ich stelle Fragen und werde dann, wie in der Schule, eins und eins zusammenzählen. Die Frage, ob das legitim sei, ob man Männer in einen Topf werfen könne, stelle ich mir nicht mehr. Das waren bisher immer die Argumente, von den Problemen der Männer abzulenken. Vor allem möchte ich den Fokus auf etwas richten, was routiniert verschwiegen oder nicht wahrgenommen wird: Was ist das für eine psychische Dynamik in seinem Innern, der der einzelne Mann, wie auch ich einst, offensichtlich kaum etwas entgegenzusetzen hat und aus der heraus die kleinen und auch großen Katastrophen in den Familien, in den Institutionen, in der Menschheitsgeschichte entstanden sind und entstehen? Beginnen wir also unsere kleine Reise in der Geschichte zu einem Zeitpunkt, an dem unsere heutigen Lebensverhältnisse das Licht der Welt erblickten, im heraufnahenden Industriezeitalter des 19. Jahrhunderts. ... ... ...
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Männer haben also ein großes und hartes Programm vor sich, wenn ihnen der erste Flaum auf der Oberlippe gewachsen ist. Sie bekommen genau mit, wie sie sich von ihrer Gefühlswelt zu verabschieden haben, denn die ist in Zukunft kein Thema mehr, eigentlich nie mehr. Das ist Tradition, denn alle erzählen uns Männern – wir erleben es schon bei Papa und Mama –, daß man ab einem bestimmten Alter sich zusammenreißen und eingliedern muß in diesen Strom, daß man als Mann gewisse Regungen wegzudrücken hat, und das wollen wir auch, denn wir wollen keine Außenseiter und Weicheier sein. Und obwohl uns dieser Sozialisationsprozeß zwischen zwölf und fünfundzwanzig Jahren richtig schwerfällt, begreifen wir schnell, daß alle so ticken. Diese Welt ist so, sie „braucht“ scheinbar solche Menschentypen, da haben wir ja auch eine Chance voranzukommen, Karriere zu machen – und die Aussicht auf die Fleischtöpfe der Macht. Deshalb halten wir still, wir hoffen, nein wir wissen, irgendwann sind wir es, die an der Reihe sind und vermeintlich profitieren, auch wenn es „nur“ in der eigenen Familie ist. Dann haben wir nicht nur das Monopol der Macht, sondern aufgrund unserer körperlichen Kraft auch das der Gewalt, um Pfründe zu verteidigen und Interessen durchzusetzen. Dazu sind wir letztlich erzogen worden. Deshalb schluckt die Mehrzahl der Beteiligten die Kröten, die eine solche Konditionierung mit sich bringt. Und so wird die Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben immer auf die nächste Generation verschoben. Niemand lehrt uns die Alternative, weil die bestehenden Verhältnisse gewahrt bleiben sollen. So wie die Dynastien in Wirtschaft und Politik ihre Söhne für den Erhalt von Macht und Reichtum mißbrauchten, so benutzt eine ganze Gesellschaft, und besonders die Eliten, die Männer für die Konservierung der tradierten Macht- und Besitzstrukturen. Das ist Mißbrauch – von Generation zu Generation!
Die zweite These: Das Unbewußte spielt eine zentrale Rolle, gerade bei uns Männern. Bei der Analyse dieser Psychodynamik wird verständlich werden, daß massenhaft Menschen etwas unbewußt tun, was sie brüsk verneinen würden, würde man sie danach in ihrem Wohnzimmer fragen. Es ist an der Zeit, auf ein derartiges Verhalten in den Familien und in den gesellschaftlichen Institutionen aufmerksam zu machen, was ich in den folgenden Zeilen und in den nächsten Kapiteln auch im Hinblick auf mein Erleben versuchen werde. Dieses Unbewußte hat nicht mehr das Geheimnisvolle und Fremde, das einst Freud daran entdeckte, sondern es stellt sich heute als Forschungsgegenstand, als Instanz, wo Heilung wirksam wird, vollkommen anders und praktikabel dar. Nur ist das noch nicht in großen Teilen der Bevölkerung angekommen. Die Aufarbeitung unbewußten Verhaltens und Handelns geschieht auch deshalb öffentlich so wenig, weil es Männer sind, die an den Schalthebeln für das Initiieren solcher Themen in der Öffentlichkeit stehen und das zu verhindern wissen. Allenfalls sind es fortschrittliche Frauen, die sich auch öffentlich trauen, ein bestimmtes Männerverhalten, ihre Art zu arbeiten und zu leben, zu kritisieren und in Frage zu stellen. Viele Männer gewinnen scheinbar etwas, wenn sie so hermetisch verschlossen mit der Kampfweste leben. Der Gewinn von Macht und Materiellem scheint ihnen dabei zunächst, vor allem in jungen Jahren, mehr wert zu sein, als ein glückliches Leben mit sich selbst und ihren Mitmenschen – das ist verständlich, so wurden beziehungsweise werden sie ja auch erzogen. Die Jungen lernen das von den Vätern, da werden Kollateralschäden in Kauf genommen.
Wenn man sich bestimmte Männerbiographien von erfolgreichen Unternehmern anschaut, so fällt auf, daß sie es zwischen den Zeilen oder auch direkt bedauern, daß sie diesem glücklichen Zusammenleben kaum eine Chance gegeben haben, daß sie eigentlich nur ihre Arbeit, den Kampf um das wirtschaftliche Überleben gekannt haben – 12 bis 16 Stunden pro Tag in stahl- und glasgefaßten Bürotürmen, in Fabrikhäusern, Supermärkten, Kaufhäusern, Dienstleistungsunternehmen, oft auch am Samstag und dann noch daheim am Computer. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat beobachtet, daß sich der Anteil der Arbeit in der Lebenszeit in den arbeitsteiligen Gesellschaften signifikant erhöht und das sogenannte Privatleben in den Familien sich gleichzeitig dramatisch reduziert hat. „Gearbeitet“ wird auch auf besondere Weise zu Hause. Bei Leuten um die Dreißig sei das sogar noch ausgeprägter als in früheren Generationen. Der Prozeß ist schleichend, wir wechseln ohne Unterlaß vom Bildschirm im Büro an den Laptop zu Hause. Wir bemerken nicht, daß wir eigentlich weiterarbeiten – der Körper schon. Wie absurd das einem erscheint, der nicht in dieser Maschinerie gefangen ist, hat der Südseehäuptling Tuiavii aus Tiavea in seiner kleinen Denkschrift ''„Der Papalagi“'' so treffend festgestellt, als er die zivilisierte Welt erstmalig besuchte.
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Unbewußt folgen sie den Vorgaben der Väter, der Chefs und den Glaubenssätzen. Und so dreht sich das Rad auch viel schneller weiter und schließlich über uns hinweg, wenn die Kraft verbraucht ist. Wir einzelnen Menschenwesen sehen nur unsere kleine, disparate und unperfekte Alltagswelt. Dieses Konzept scheint jedoch jetzt am Ende zu sein, weil nicht mehr zu ignorierende Grenzen des Planeten Erde erreicht sind, weil es das Ende der Menschheit bedeuten könnte. Wir haben es, schaut man sich die schmelzenden Pole an, zu weit getrieben. Unsere Väter sind ohne ein Bewußtsein davon einen Weg gegangen, der mit leidvollen Erfahrungen bis hierher in unsere Gegenwart gepflastert war.
Entsteht aus Unbewußtheit nun ein Bewußtsein für das, was wir jetzt tun? Es gibt immer mehr Männer, die komplexere und empfindsamere Ausdrucksmöglichkeiten und Lebensentwürfe suchen, die langsam begreifen, daß es einen anderen Generationenvertrag geben muß, wollen unsere Kinder auf dieser Erde mit einigermaßen heiler Haut davonkommen. Das neue Denken wird von einer ganz unerwarteten Ecke, von einer globalen und eher konservativen Wissenschaft befördert. Doch will der normale Mann das wissen? Wir leisten gegen derartige Erkenntnisse enormen Widerstand. Doch wir kommen, das scheinen wir nun zu begreifen, damit nicht mehr weiter, die alte Selbstverständlichkeit einer patriarchalischen Ignoranz ist mehr oder weniger Geschichte. Das drückt sich am deutlichsten in den Familien aus. Die traditionelle Führungsrolle der Männer in der Keimzelle der Gesellschaft ist in Frage gestellt oder zusammengebrochen.
Viele Männer erzählen mir bedauernd, daß sie eigentlich gar nicht mitbekommen haben, daß ihre Kinder groß geworden sind. Die Trauer auch über die Trennung von Frau und Kindern ist bei den meisten echt. Solche Männer wissen, daß sie in der Tat etwas Fundamentales versäumt haben, jene Schönheit des Wachsens, das Gefühl des liebevollen Beschützens und Nährens der Kinder, von dem wir eigentlich als junge Stürmer insgeheim doch geträumt haben. Nachdem Beziehungen gescheitert sind, gönnen wir uns dann vielleicht noch eine junge Frau, gewissermaßen als Ausgleich für die entgangene Freude und Liebe im Leben, das hilft eine Zeitlang über die Probleme hinweg.
Nahezu 50 Prozent der Ehen, besonders in Ballungszentren, werden inzwischen geschieden. Mir erzählte jetzt eine Lehrerin, daß in den Klassen, in denen sie unterrichtet, bereits zwei Drittel der Kinder nicht mehr mit Vater und Mutter zusammenleben. Das wäre heute der Normalfall und nicht die Familie, die wir alle so gerne auf unsere Fahnen schreiben. Die Frauen beziehen daraus dann auch ihre Kraft und verändern damit die Machtkonstellationen in den „Patchworkfamilien“. Wir Männer, würden wir das wirklich fühlen, wären über diese Ausgrenzung tief traurig. Doch wir stürzen uns weiter in die Arbeit, wenn wir denn eine haben, und verstehen dann vieles nicht mehr, was die Kinder und unsere ehemaligen Partnerinnen gerne von uns möchten. Wir spüren uns nicht mehr, wir wissen nicht mehr, was wir wirklich wollen und ziehen uns auf Rechtspositionen, auf Kämpfe, auf den Konsum und unsere Arbeit zurück. Zudem ist die Teilnahmslosigkeit vieler Männer an noch funktionierenden Familienstrukturen sprichwörtlich, sie erschaffen sich neben ihrer Arbeit lieber ihre eigene kleine Abenteuerwelt, Spielwiesen, wo sie ihr hartes Leben da draußen irgendwie kompensieren können. Da machen sie endlich, was sie wollen. Und was tun sie dann? Jedenfalls schauen sie kaum nach innen, in ihr Innerstes.
Wirklichen Kontakt können die meisten in den Restbeständen eines Zuhauses nicht mehr herstellen. Von den Arbeitskollegen bekommt man genau so wenig mit wie von den Nachbarn. Die Medien bieten den Ersatz dafür an. Dieser Entfremdungsprozeß geschieht schleichend und unmerklich, die Männer jedenfalls beklagen sich nicht darüber. Das Gestalten einer Familienkultur, einer sinnvollen Zeit des Miteinanders hört damit auf. Leistungsorientierung steht in allen Lebensbereichen heute ganz oben an – eine fatale Entwicklung, die ihren Preis haben wird. Die Kinder leiden heute schon mit 20 Jahren unter den Auswirkungen auf ihre Körper und ihre Seelen. So geben sich Schule und Familie über die Generationen die Hand und beschließen einen Kontrakt, bei dem die meisten Kinder auf der Strecke bleiben, das merken wir jetzt in Deutschland. Warum lassen wir das zu?
Die Fragen, die mich aufgrund meiner eigenen Geschichte schon lange beschäftigen, lauten dann auch: Wie erleben die typischen Mannsbilder sich eigentlich selbst? Sehen Männer, wie sie so drauf sind? Merken sie, was da um sie herum geschieht? Viele Männer haben mir erzählt, daß sie zunächst einmal einen großen Druck fühlen. Das ist der vorherrschende, eigentlich tägliche Gemütszustand. Was macht diesen Druck aus? Oftmals haben Männer im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Karriere die große Furcht, ihre Verpflichtungen, die Aufgaben in der Außenwelt, die sie sich selbst oder die andere ihnen auferlegt haben, nicht erfüllen zu können. Sie fühlen sich oft getrieben, leiden unter Existenzangst, machen sich Sorgen um ihren Job, sind dort oft unglücklich und fürchten zu versagen. Sie sind so erzogen, daß sie es unter allen Umständen schaffen ''müssen''. Männer wollen zudem immer perfekt sein, egal in welchem Bereich, deshalb reden sie aus Unsicherheit über vieles, was oft nicht der Sache, der Kommunikation dient. Sie brauchen ganz viel Anerkennung und können, wie ich es an meinem Beispiel schilderte, mit Nähe wenig anfangen. Sie sind emotional gehemmt, oft vollkommen verschlossen, besonders wenn sie älter werden. Sie sind überall, nur nicht bei sich selbst. Wenn sie ihr Innerstes offenbaren, stellt man fest, daß sie überfordert, sehr verletzlich und vielfach nicht in der Lage sind, angemessen zu entscheiden, sie sind eigentlich tief verunsichert und unzufrieden. Vor allem handeln sie in der Regel nicht aus ihrer ureigensten Kraft heraus, sondern weil sie müssen, weil sie sollen. Sie haben vieles gelernt, nur nicht sie selbst zu sein. Oftmals erfahren sie viel Kritik, mit der sie nicht umgehen können. Besonders die Auseinandersetzungen mit ihren Frauen setzen ihnen deshalb zu, weil sie wissen, daß sie etwas verändern müssen, aber nicht aus den ausgetretenen Latschen herauskommen. Der Austausch dabei ist oft nicht partnerschaftlich. Das führt zu weiteren massiven Konflikten. Männer überspannen dann in der Regel den Bogen solange, bis er bricht – oder sie passen sich so an, bis sie am Ende selbst gebrochen sind. Trennungen, so glauben viele Männer, seien der vermeintliche Ausweg. Ihr starres inneres Gerüst gerät zwar dabei ins Wanken, was ich selbst bitter erfahren mußte, doch wenn ihnen nicht gute Menschen begegnen, versinken sie oftmals in immer tieferer Resignation je älter sie werden.
Schaut man über den europäischen Tellerrand unserer Kultur hinaus, so kann man ohne große Mühe zu dem Schluß kommen, daß das auch für die meisten Männer in anderen Kulturen dieser Welt so gilt. Ob es Afrika ist, wo die Frauen den Alltag, die Ernährung und die Arbeit des ganzen Kontinentes „managen“ und das oft erbärmliche Überleben für jeden Tag neu sichern, oder ob man nach Asien oder Südamerika blickt – überall sind es die Frauen, die versuchen, ein menschenwürdiges Leben für die Familie hinzubekommen. Männer, die immer noch glauben, etwas Besonderes zu sein, verbergen sich in der Fixierung auf ihr Ego vielfach hinter großen Sprüchen und entziehen sich oft der Verantwortung, spielen die Helden oder die Clowns. Sie schützen ihre Positionen durch defizitäre, machtvolle Strukturen, die dann zu den regionalen katastrophalen Lebensbedingungen weltweit führen.
Natürlich frage ich mich – und der Leser sich sicherlich auch – bei all dem, was in unserer Welt geschieht: Wollen Männer sich überhaupt verändern? Oder anders gefragt: Was muß geschehen, damit sich Männer verändern wollen? Warum sind es erst wenige, die neue Wege gehen? Geht es der Masse der Männer noch zu gut, weil Frauen für sie sorgen, sie sich blenden lassen, besonders wenn sie im vollen Saft sind und Macht haben? Warum hängen sie so an dem, was sie kennen, am Äußeren, am Materiellen, an tollen Autos und an halsbrecherischen Abfahrten auf Tiefschneepisten? Warum streben sie nicht nach ihrem innersten Glück? Warum steigen sie die Eiswände großer Berge hoch, wo sie doch wissen, daß sie wirklich abstürzen können? Warum lieben sie das Risiko und bringen sich in Gefahr? Oder warum überlassen sie sich einfach tiefster Resignation? Und eine noch radikalere Frage ist in diesem Kontext zu stellen: Was haben Männer eigentlich davon, Veränderungen, die sie weiterbringen könnten, nicht zu wollen? Warum verweigern sie sich den guten Gefühlen, dem inneren Frieden, der Fülle? Warum halten sie so vehement an ihren Fesseln fest?
Bevor ich mich diesen Fragen in den nächsten Kapiteln intensiv zuwenden werde, werfen wir nochmals einen geschärften Blick auf unsere gesellschaftliche Realität heute. Diese Realität erklärt nämlich auch, warum Männer so große Schwierigkeiten haben, ihr Inneres wahrzunehmen. Diese Wahrnehmung ist jedoch die Grundbedingung für jede Veränderung. In diesem Zusammenhang sind die bisher beschriebenen Phasen in meinem Leben zu sehen, in denen ich liebgewonnene Gewohnheiten, übernommene Verhaltensweisen und unbewußte Glaubensgrundsätze der Vätergeneration bei mir selbst nicht wahrnahm, sie nicht als Behinderung für meine Entwicklung erkannte und deshalb auch nicht aufgeben wollte. Ich glaubte tatsächlich, vieles zu wissen und eine Entwicklung nach innen nicht nötig zu haben. Das war hochmütig und ignorant mir selbst gegenüber. Und ich bin nicht psychisch krank oder absonderlich, sondern war ganz im Gegenteil als junger Mann schon ein normaler, mit vielen Aufgaben betrauter und dazu noch erfolgreicher Mensch im Sinn der gesellschaftlichen Werteskala. Erst als ich mich immer schlechter fühlte und sich mein Lebenskanal mehr und mehr verengte, das Leiden mich quälte, begann ich zuzuhören und war bereit für den Wechsel der Perspektive. In der Regel erleben Männer diesen Zustand, wenn sie die Vierzig oder Fünfundvierzig überschritten haben. Bei mir geschah das 15 Jahre früher. Männer werden in dieser „Midlife Crisis“ unsicher, ob einiges in ihrem Leben vielleicht doch nicht so geklappt hat, sie kommen ins Grübeln. Es fehlt ihnen dann oft etwas sehr Bedeutendes. Dann entscheidet sich, wie der einzelne mit dieser Verunsicherung und einer möglichen Erkenntnis umgeht. Doch niemand, weder die Freunde noch die Alten, die das ja vielleicht schon hinter sich haben, sprechen mit den verunsicherten jüngeren Männern darüber. Derartiges „Wissen“ wird verschwiegen. Denn wer würde zugeben wollen, daß er dieses Leben vielleicht vergeudet, es nicht richtig gelebt hat im Sinn einer Weiterentwicklung. Man wäre dann ja irgendwie gescheitert – das geht überhaupt nicht! Männer scheitern nicht! Und wenn doch, dann soll doch gleich der Tod kommen! Vor allem aber teilen uns die Väter und Großväter nicht mit, daß sie vergeblich gehofft hatten, in der Welt da draußen ihre Erfüllung zu finden. Sie haben sie dort nicht gefunden, und viele von ihnen fühlen sich beschissen, einsam und allein. Es gibt genügend Autobiographien, die das belegen, wie zum Beispiel ''„Mars“'' von Fritz Zorn, die er kurz vor seinem Krebstod noch veröffentlichen konnte. Man schämt sich jedoch meistens als älterer Mann, derartiges überhaupt anzusprechen, geschweige denn, ein Buch darüber zu schreiben. Und so folgen die Jungen natürlich den Versprechungen, wie die Alten es einst auch taten. Niemand scheint daran etwas ändern zu wollen. Die Alten bleiben mit ihren Depressionen allein, und die Jungen mühen sich rund um die Uhr ab, wie einst ihre Väter, bis sie auch wieder so weit sind – es ist scheinbar ein Teufelskreis.
Als ich begann, mir ins Gesicht zu schauen, wußte ich nicht, daß schleichend mit dem Streß meines Alltages, den verdrängten Verletzungen aus Kindheit und Jugend, den unbearbeiteten Konflikten mit den Partnerinnen und im Beruf sich zunehmend negative Energie in mir angesammelt hatte, von der wir in der Regel nicht viel wissen, das verdrängen wir gerne. Wir ahnen nur, daß da etwas in uns immer schwerer wiegt und uns belastet. Doch wir kümmern uns nicht darum. Eine Auswirkung dieser negativen Energien, der unbearbeiteten Probleme, die wir mit uns rumschleppen, ist jene Depression, unter der auch ich schon zeitweise als junger Mann litt und unter der heute wenigstens 28 Prozent der Männer in Deutschland leiden (mit unbekannter Dunkelziffer). Nach Jahren des Wegschauens empfinden wir dann oft ein Gefühl der wachsenden Sinnlosigkeit. Man spürt, daß man auf vielen gesellschaftlichen Ebenen immer wieder etwas macht, was man eigentlich gar nicht mehr machen will – aus den einstigen Machern sind dann bereits Opfer geworden. Vor allem aber versuchen wir ständig, unsere innere Stimme abzublocken, weil wir unseren wirklichen Zustand immer noch nicht wahrnehmen wollen. So liegt also vieles unverarbeitet in uns und drückt auf unser Gemüt.
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In einer solchen Lebenspraxis entsteht unter Umständen über Generationen hinweg eine Kultur der Erstarrung, der Abgrenzung, der Negativität, des Gegeneinanders statt des Miteinanders, aus der heraus dann nur noch jeder für sich irgendwie klarkommen will, wo Egoismen und Konkurrenz sich ausbreiten. Man gönnt anderen nichts und sieht vieles negativ. In einem solchen Klima werden ständig Konflikte provoziert, die eine ungeheure Energie binden. So entstehen letztlich auch Armut und Abhängigkeit, und damit – vielleicht ungewollt, vielleicht aber auch in all der Negativität mit kalter, inzwischen zynischer Absicht – bringen wir den Planeten Erde an seine Grenzen. Solche Männer (und natürlich auch Frauen) bewegen sich auf einem ganz engen Terrain ihrer möglichen emotionalen, geistigen und spirituellen Potenz. Männer gehen da stoisch einen relativ eingeschränkten und einsamen Weg. Aus einem solchen, ja fast soldatischen Verhalten erwachsen dann vor allem jene persönlichen Konflikte, mit denen Männer vielfach täglich beschäftigt sind. Sie haben in der Regel Schwierigkeiten bei der Arbeit, in der Beziehung oder mit den Kindern abzuarbeiten, ohne daß sie das (an)erkennen würden oder gar Zusammenhänge zu ihrem Verhalten, ihrer inneren Disposition sehen – besonders nicht, wenn sie jung sind. So erlebte ich insbesondere die Männer der Generation meines Vaters, da bewegte sich nichts mehr. Dieses Lebenskonzept funktionierte nicht mehr für mich – und es reicht vor allem nicht für die Zukunft dieser Erde. Es gibt einen anderen Weg, der davon abhängt, ob der Mann die Zeichen erkennt.
In der Regel ist es die Krise – manchmal eine fundamentale Lebenskrise, eine Verletzung, eine Krankheit, ein Verlust, eine Kündigung –, die am Anfang der Veränderungen stehen kann. Dabei liegen die Probleme oftmals auf der Hand, werden durchaus benannt, uns zur Kenntnis gebracht. Wir haben Monate vorher die noch angenehmeren kleinen Zeichen übersehen und bekommen zunehmend dickere Bretter vorgelegt, die dann zu bohren sind. Das ist zum wiederholten Mal die Chance für uns. Krisen sind großartige Möglichkeiten, um Veränderungen anzugehen. Doch Krisen begreifen wir meistens als Störungen, als etwas sehr Unangenehmes, was wir versuchen zu umgehen. Menschen entwickeln sich aber scheinbar erst, wenn es mächtig drückt, wenn es ganz dicke kommt, wenn die Probleme nicht mehr weggewischt werden können und wie eine Wand vor einem stehen. Dann halten auch Männer für einen Moment tatsächlich inne, zeigen vielleicht auch Betroffenheit. Haben sie sich wieder gefangen, dann sagen sie schnell abwehrend: „Das vergeht wieder, ist eine Krise, passiert jedem, hat nichts zu bedeuten. Hilfe brauche ich nicht, da komm ich wieder raus! Und außerdem, der Tag hat jetzt schon zwölf intensive Stunden, ich kann mich damit nicht beschäftigen, das kostet nur Geld.“ Und der Mann geht schnell zur Tagesordnung über. Das ist die erste Phase des Widerstandes: Ignoranz. Als Lebensberater frage ich dann: Was ist Ihnen ein glückliches Leben wert? Wofür geben Sie denn ihre Zeit her und ihr Geld aus? Wie lange wollen Sie noch warten? Die meisten Männer gehen dann davon.
Nach einiger Zeit verschärfen sich jedoch die Krisen und das Leiden beginnt, sich zu intensivieren. Man fühlt sich kaum noch wohl, hat auch körperliche Probleme. Viele Männer fahren dann weitere Abwehrgeschütze auf. Sie glauben nicht, so sagen sie, daß ihnen zu helfen sei. Wenn sie selbst nichts bewirken können, kann nichts helfen. Mann läßt sich nicht helfen! Wir Männer glauben tatsächlich von uns, wir könnten alles regeln, so sind wir auch erzogen worden, wir sollten ja stark sein für die anstehenden, viel zu hoch dimensionierten Aufgaben. Und außerdem: Leiden gehöre eben zum Leben dazu! Wir können uns doch auf solch eine Ebene, diesen „therapeutischen Kinderkram“, nicht herablassen, das wäre ein Zeichen von Schwäche. Wir haben andere, viel wichtigere Dinge zu tun. Das ist die zweite Phase des Widerstandes: die scheinbare Akzeptanz problematischer Verhältnisse nach dem Motto: „So ist es eben und damit basta!“ Dies ist immer noch eine „erfolgreiche“ Strategie bei der Abwehr dringend notwendiger Schritte zur Selbsterfahrung. Warum Männer das bis zur Selbstaufgabe so machen, wird im Kapitel „Im Dunkeln des Unbewußten“ geschildert. Um das Spiel zu verkürzen: Diese Phasen des Widerstandes bringen gar nichts, im Gegenteil, sie verschärfen das Problem, irreparable Schäden können so entstehen, ein Leiden (Depression) bis zum Lebensende und ein frühzeitiger Tod sind oft die Folgen. Es ist, das können mir die Männer wirklich glauben, weil ich das selbst durchgemacht habe, verlorene kostbare Zeit unseres Lebens, die viele Tränen kostet. Im Widerstand werden wir niemals auch nur eine Spur von Glück erleben!
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Männer suchen seit mindestens 30 Jahren nach einer neuen Rolle, nach einer Identität, jenseits ihrer Väter. Sie spüren in den letzten Jahren zunehmend ein immer größeres Unbehagen. Sie wissen ja inzwischen auch, daß das alte Rollenmodell nicht mehr trägt. Sie begreifen auch, daß dieses ständige Weitermachen, dieses Sich-Verweigern, Sich-Betäuben, Sich-Zumachen, diese Gier eigentlich zu ihrem eigenen Schaden sind. Sie suchen mehr und mehr nach einem Weg, der sie in ihre ureigenste Kraft kommen läßt – ohne Depression, ohne Angst –, in einen Zustand, der sie aus ihrer tagtäglichen Abhängigkeit und Opferrolle („Was bin ich doch für eine arme Socke, was muß ich nicht alles tun.“) oder aus ihrem aufgesetzten Machoverhalten („Ich bin der Größte und weiß einfach Bescheid.“) befreit. Schon die Opferrolle zu erkennen, würde eine große Kraft in ihrem Innern freisetzen: eine neue Energie, die sie zu intensiveren Selbsterfahrungen führen und sie auf ihren eigenen Weg bringen würde. So würden sie sich nachhaltig qualifizieren. Sie könnten dann ihre Reise zu ihrem verborgenen essentiellen Selbst behutsam antreten, um sich mehr und mehr selbst zu begreifen. Aus diesem Selbst heraus zu handeln ist ungefähr so, als wechsele man an einer Autobahnraststätte das Auto, vom Polo zum Porsche oder vom dreiachsigen Pritschenwagen zum legendären Citroen DS.
Es heißt bei den weisen Männern und Frauen dieser Erde, daß in der Stille, im Hier und Jetzt unseres Atems, die Seele auf uns wartet und dort das eigentliche Leben, unser Frieden, beginnt. Das beschreibt nichts Religiöses – Menschen, die Yoga machen, kennen diesen Zustand sehr gut. Und dem kann ich auch aufgrund meiner gemachten Erfahrungen aus tiefstem Herzen nur zustimmen. Viele glauben, daß sie erst im Herbst ihres Lebens, in der Nähe ihres Todes, eine Form des inneren Friedens erreichen können, also dann, wenn alles getan ist, die letzten Jahre angebrochen sind. Warum, so fragte ich mich das schon lange, soll das erst dann möglich sein? Warum finden wir nicht auch in jungen Jahren, in unseren besten Jahren, zu einer Kultur des Bei-sich-seins? Carlos Castaneda hat das einst so beschrieben: ''„Wenn wir schon mit der Ganzheit unseres Selbst sterben, warum dann nicht auch mit dieser Ganzheit leben?“''